Montag, 24. Juli 2017

Stress macht hilfsbereit.

vor Verdun
aus scinexx

Stress macht uneigennütziger 
Gestresste Menschen handeln häufiger selbstlos als ungestresste

Überraschend positive Wirkung: Stress hat nicht nur negative Folgen, sondern kann uns sogar selbstloser machen. Ein Experiment belegt, dass gestresste Menschen sich in Alltagssituationen häufiger für uneigennütziges Handeln entscheiden als nichtgestresste. Unter Stress sind wir offenbar eher bereit, Nachteile in Kauf zu nehmen, um anderen zu helfen. Warum das so ist und wie das Ganze neurophysiologisch funktioniert, ist allerdings noch unklar.

Stress ist eine der prägenden Folgen der modernen Gesellschaft. Überforderung, Zeitdruck und ständige Informations-Überflutung sorgen dafür, dass viele Menschen kaum mehr zur Ruhe kommen. Doch das hat Folgen: Stress macht vergesslich, sabotiert unsere Selbstkontrolle und beeinträchtigt unsere Sinneswahrnehmung. Außerdem fördert ständiger Stress langfristig Übergewicht und kann ähnliche Gesundheitsfolgen verursachen wie ungesundes Essen.

Aber wie sich jetzt zeigt, kann akuter Stress auch positive Effekte haben: Er kann die Neigung zu selbstlosem, hilfsbereitem Verhalten verstärken, wie Nina Singer von der Universität Regensburg und ihre Kollegen herausgefunden haben.

Helfen oder nicht?
 
Für ihre Studie setzten sie einen Teil ihrer 50 Probanden zunächst starkem Stress aus: Sie mussten spontan eine Präsentation vor unbekannten Bewertern halten, anschließend gab es eine Runde Kopfrechnen. Erst dann folgte das eigentliche Experiment: Gestresste und nichtgestresste Teilnehmer versetzten sich in 28 verschiedenen Alltagssituationen hinein, in denen sie sich jeweils zwischen egoistischem oder altruistischem Verhalten entscheiden sollten.

Ein Beispiel: Man eilt nach der Arbeit zum Bus, der gerade abfahren will. Ein älterer Herr lässt direkt vor einem versehentlich seine Einkaufstasche fallen und alles purzelt auf den Gehsteig. Was macht man? Hilft man dem Mann beim Einsammeln und verpasst dadurch den Bus? Oder ignoriert man den Mann und sein Problem und erwischt dadurch den Bus gerade noch?

Die Forscher werteten aus, wie sich die Probanden in diesen moralischen Dilemmata entschieden und ermittelten zusätzlich das Stressniveau über den Gehalt der Stresshormone im Speichel.

Selbstlosere Entscheidungen
 
Das überraschende Ergebnis: Akuter Stress wirkt sich auf moralische Alltags-Entscheidungen anders aus als man denkt. Denn die gestressten Teilnehmer handelten nicht etwa egoistischer, sondern sogar uneigennütziger als ihre nichtgestressten Mitprobanden. Sie entschieden sich deutlich häufiger für das selbstlose Handeln – selbst wenn dies zu ihrem Nachteil war, wie Singer und ihre Kollegen berichten. 

Und nicht nur das: Trotz oder gerade wegen des Stresses sorgten die selbstlosen Entscheidungen für eine bessere Stimmung bei den Probanden. Sie erlebten mehr positive Emotionen als ihre nichtgestressten Mitstreiter in der gleichen Situation, wie psychologische Befragungen ergaben. Die gestressten Teilnehmer waren zudem auch im Nachhinein noch sicherer, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Biologischer Sinn noch unklar
 
"Im alltäglichen Leben müssen wir oft unter Stress moralische Entscheidungen treffen", sagen Singer und ihre Kollegen. Diese Ergebnisse zeigen, dass sich dies keineswegs immer nur negativ auswirken muss. Stattdessen kann akuter Stress sogar dazu beitragen, jemanden sozialer und uneigennütziger handeln zu lassen.

Warum das so ist und ob der erhöhte Spiegel des Stresshormons Cortison dabei eine ursächliche Rolle spielt, müssen nun weitere Untersuchungen zeigen. (Hormones and Behavior, 2017; doi: 10.1016/j.yhbeh.2017.05.002)

(Universität Regensburg, 24.07.2017 - NPO)


Nota. - Mein schlichter Laienverstand mutmaßt, das Syndrom 'Stress' stamme aus den frühesten Zeiten unserer Gattungsgeschichte, und da wird es eher ein Gruppenerlebnis als eine Privatlaune gewesen sein. So läge es nahe, dass "die Evolution" gleich noch eine Dosis Kooperationsbereitschaft hinzugetan hat.
JE


 

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