Sonntag, 8. Januar 2017

"Realismus".


aus nzz.ch, 5.1.2017,

Naiver Realismus
Ich – das Maß aller Dinge
Wenn wir Realität «sehen», merken wir gar nicht, wie viel wir selbst zu den scheinbar objektiven Eindrücken beisteuern. Beim Blick auf die physische Welt ist das dienlich – beim Urteilen ein Risiko.

von Matthew D. Lieberman


Die NZZ hat mir rückwirkend die Verbreitung ihrer Inhalte untersagt. Ich werde sie nach und nach von meinen Blogs löschen 
Jochen Ebmeier 


Nota. - 'Naiven Realismus' nannten die Neukantianer vor anderthalb Jahrhunderten das, was Kant selbst die dogmatische Sicht der Welt genannt hatte, weil sie glaubt; nämlich glaubt, dass das, was in ihrem Bewusst- sein vorkommt, dasselbe ist wie dass, was außerhalb ihres Bewusstseins da ist. Die Frage, wie es dort hinein- gekommen ist, stellt sie sich naiverweise nicht: Im Bewusstsein spiegelt sich die Welt. 'Abbildtheorie' hat man das später genannt, denn es war das Glaubensbekenntnis der "wissenschaftlichen Weltanschauung" alias DIAlektischer MATerialismus, da war Respekt geboten, denn Sibirien lag näher, als es auf der Landkarte aussah.
 
Die Hirnphysiologie bringt uns aber nicht weiter. Zwar kann der Forscher uns zeigen, dass die Neurone in unserm Hirn nicht einfach die Reize, die ihnen die Sinneszellen übermitteln, einsammeln und zu Einheiten zusammensetzen (wie und warum?), sondern umgekehrt aktiv Fragen an sie stellen und dadurch vorab immer schon seine Auswahl getroffen haben, die eine Hypothese darstellt, mit der die Daten verglichen werden. Auch hier findet also nicht einfach Widerspiegelung statt. 
 
Aber das beweist noch nicht viel. Unser Bewusstsein erschöpft sich nämlich nicht darin, dass wir 'Sachen wissen'. Das tun ja offenbar die Tiere auch. Doch anders als sie wissen wir, dass wir Sachen wissen - sonst könnten wir uns ja nicht fragen, wie es dazu kommt. Wir reflektieren, und in wachem Zustand nehmen wir nichts wahr, worauf wir nicht reflektierten: Etwas 'merken' heißt darauf reflektieren.
 
Für die Reflexion hat die Hirnforschung nicht nur keine Erklärung. Sie kann mit all ihren Bildgebenden Verfahren nicht einmal sagen, wann, wo oder wie sie geschieht.
 
Das ist allerdings auch nicht ihres Amtes, denn das könnte sie nicht ohne die Voraussetzung eines  'immer schon' wollenden Ichs, und das gehört nicht in die Physiologie, sondern in die Philosophie.
JE 
 
 
 

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