Sonntag, 28. Dezember 2014

Eurotrash - András Schiff gegen das Regietheater.


aus nzz.ch, 27.12.2014, 12:00 Uhr                                            Kresnik, Un ballo di maschera von Verdi

Was zum Teufel ist mit dem deutschen Theater los?
Zwei Monate in Berlin können einem, der das klassische Theater liebt, den Garaus machen. Ist es ein Wunder, dass man vieles von dem, was hiesige Bühnen produzieren, in New York «Eurotrash» nennt?

von András Schiff

Berlin ist eine wunderbare Stadt. Ihr kulturelles Angebot ist atemraubend; Oper und Theater, Kino und Ballett, Galerien und Museen, Sinfoniekonzerte und Kammermusik – der Kulturfreund ist tagtäglich mit der Qual der Wahl konfrontiert. Während meines zweimonatigen Aufenthalts in dieser Stadt ergriffen meine Frau und ich diese Gelegenheiten beim Schopf und kamen in den Genuss etlicher Darbietungen. Wir hörten herrliche Konzerte, erlebten Opernaufführungen, besichtigten wunderschöne Museen und sahen einige gelungene und aussagekräftige Filme. Unsere Theaterbesuche hinterliessen hingegen äusserst zwiespältige oder gar negative und verstörende Eindrücke.

Dürrenmatt mit Lady Gaga

Die künstlerische Qualität der fünf Abende war unterschiedlich: Eine Produktion – «Das Kalkwerk» nach dem Roman von Thomas Bernhard an der Schaubühne – war nicht nur als Experiment hochinteressant, sondern auch schauspielerisch hervorragend, Ödön von Horváths «Geschichten aus dem Wienerwald» im Deutschen Theater gerieten ebenfalls sehr ansprechend und lohnten den Besuch. Friedrich Dürrenmatts grossartige Tragikomödie «Der Besuch der alten Dame» (abermals im Deutschen Theater) gerann dagegen zum lächerlichen, vulgären Pseudomusical mit – horribile dictu – Songs von Lady Gaga. Als noch unzumutbarer dünkten uns zwei Vorstellungen im renommierten Berliner Ensemble: Friedrich Schillers «Kabale und Liebe» – genauer gesagt: eine Amputation des Trauerspiels – wurde bis zur Unkenntlichkeit und daher Ungeniessbarkeit ad absurdum inszeniert; die Eingriffe in den Text beziehungsweise Kürzungen an ihm grenzten an Unverschämtheit.

Zur Schilderung der fürchterlichen Inszenierung von Georg Büchners genialem «Woyzeck» fehlen mir die passenden Worte. Im Normalfall verlässt man ein Theater nicht vor dem letzten Vorhang, doch an diesem Abend flohen wir bereits nach zwanzig Minuten des Leidens geradezu panisch aus der Spielstätte. Weil es keine Pause gab, mussten wir unsere Sitznachbarn stören und sie aufstehen lassen; sie begleiteten unseren Abgang mit verständnislosen und bösartigen Blicken. Wenn man mit Augen töten könnte . . .

Drei schreckliche Theatererlebnisse in einer Woche, notabene in der Kulturweltstadt Berlin – das ist alarmierend. Bei aller Verschiedenheit der aktuellen Inszenierungen schälen sich dennoch einige gemeinsame Nenner und Tendenzen heraus, die für das zeitgenössische deutschsprachige Theater symptomatisch sind. In New York nennt man diese Strömung mit Recht «Eurotrash» – Ramsch aus Europa. Im seltsamen Reich der Bühne von heute herrscht als thronender König der Regisseur. Ihm, dem allmächtigen Herrn der Theaterhäuser, haben sich Schauspieler und Schauspielerinnen, Bühnen- und Kostümbildner, Dramaturgen und Techniker unterzuordnen. Er kann sich das leisten, weil er, einem magischen Magneten gleich, viele Theaterbesucher anzieht und anstachelt, seinetwegen ins Theater zu kommen. Die Plakatgrafiker spielen das Spiel mit. Auf ihren Affichen liest man zwar den Namen des Autors und den Stücktitel, ebenso prominent aber prangt der Name des Spielleiters von der Plakatsäule.

Was die Besucher dann erleben, hat mit den originalen Vorlagen jämmerlich wenig zu tun. Der Regisseur scheint alles besser zu wissen als der Autor. Der Neunmalkluge nimmt seinen Rotstift, korrigiert ohne Rücksicht auf Verluste Wörter, Sätze, Abschnitte, streicht ganze Szenen aus dem Buch oder ändert beliebig deren ursprüngliche Reihenfolge. Er spielt mit dem Text wie die Katze mit der Maus. Und der Autor? Er ist in der Regel tot und somit wehrlos. Wen soll denn sein vermeintlich angestaubter Text kümmern? Er mag ruhig auf der Strecke bleiben, denn das Interesse soll sich ja auf die Regie verlagern; sie soll den Besucher herausfordern und kitzeln.

Beckett im Pflegeheim

Was würden Shakespeare, Goethe, Büchner, Kleist und andere Unsterbliche zu den Herrschaften Regisseuren sagen, stünden sie wieder auf und sähen ihre Stücke in den heutigen Inszenierungen? Die Frage ist relevant. Mithilfe von etwas Phantasie lässt sie sich adäquat beantworten. Mutmasslich würde die Reaktion der grossen Autoren zum deutschen Regietheater sehr ähnlich zu derjenigen ihres Kollegen Samuel Beckett ausfallen. 1973 erhielt dieser einen höflichen Brief von dem Kölner Dramaturgen Kleinschmidt. Das Schauspiel Köln erarbeitete damals Becketts Stück «Endspiel» und konnte oder wollte mit den Anweisungen des Autors wenig anfangen. Herr Kleinschmidt schrieb, man intendiere, das Stück in einen realistischeren Raum, nämlich in ein Altersheim zu verlegen, und wollte deshalb die Beckettschen Mülltonnen durch Pflegebette ersetzen. Becketts Antwort ist eindeutig. In meiner Übersetzung:

Lieber Dr. Kleinschmidt,
danke für Ihren Brief.

Ich stelle mich entschieden gegen Ihre Idee, «Endspiel» durch die Verpflanzung in ein Altersheim oder in eine andere modische Hölle auf den neuesten Stand zu bringen. Dieses Stück kann nur funktionieren, wenn es genau so aufgeführt wird, wie es geschrieben ist und in Übereinstimmung mit den Regieanweisungen – nichts hinzugefügt und nichts weggelassen. Aufgabe des Regisseurs ist es, dies zu gewährleisten, nicht, Verbesserungen zu erfinden. Wenn und wo diese Einstellung als nicht vereinbar mit den bestimmenden Notwendigkeiten erachtet wird, sollte das Spiel in Frieden gelassen werden. Es besteht kein Mangel an anderen, die den Anforderungen genügen.

Ihr ergebener
Samuel Beckett



(Dr. Kleinschmidt bedankte sich für Becketts unmissverständliches Schreiben. Die Aufführung fand trotzdem im Altersheim statt; die Premiere war ein Desaster, laut einem Artikel von Gerhard Stadelmaier in der «FAZ» vom 25. Februar 2014.) Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Interpreten aller Art – Regisseure, Dramaturgen, Dirigenten, Instrumentalisten – sind re-kreative, also nachschaffende Künstler im Dienste der kreativ-schöpfenden Autoren und Komponisten. Das ist nicht weniger als die Conditio sine qua non der Kunst. Alte Meisterwerke neu beleben zu wollen, ist eine innere Notwendigkeit und ein lobenswertes Bestreben. Der Interpret darf dabei aber nicht über das Ziel hinausschiessen, er sollte sich stets an den Werkrahmen halten und dessen Parameter erkennen und respektieren. Das ist keineswegs ein ausschliesslich subjektiver Prozess, wie es manche Theaterleute behaupten. Beckett ist zuzustimmen, er ist im Recht. Autor und Text sind als unentbehrliche und unverwechselbare Komponenten sehr viel wichtiger als Regisseur und Schauspieler.Auf dem Plakat der Uraufführung von Mozarts «Don Giovanni» (am 29. Oktober 1787 in Prag) stehen neben dem Komponisten und Dirigenten Mozart sowie dem Librettisten Lorenzo da Ponte die Namen der gesamten Sängerbesetzung. Nach dem Spielleiter sucht man umsonst. Damals standen das Werk und seine musikalische Wiedergabe eindeutig im Mittelpunkt, nicht die szenische Realisation. Liest man heutzutage Rezensionen einer «Don Giovanni»-Aufführung, blickt man in eine verkehrte Welt. Der Rezensent widmet seine Schreibe hauptsächlich der Inszenierung und der Bühnentechnik; Dirigent, Sänger und Orchester finden lediglich am Rande Erwähnung, noch stiefmütterlicher wird der arme Komponist behandelt.

Falsche Unbescheidenheit

Warum fällt es den meisten Regisseuren so schwer, in den Hintergrund zu treten und sich in den Schatten der Stücke und ihrer Autoren zu stellen? Woher rührt diese Sucht nach der Selbstdarstellung, der Wichtigtuerei, der Respektlosigkeit? Wieso mangelt es an Demut und Bescheidenheit? Warum diese panische Angst vor der Langeweile? Apropos Langeweile: Sie ist ein subjektives Phänomen. Was manche Menschen als eintönig und mühsam einschätzen, mag für andere spannend und hochinteressant sein. Wie oft hat Cézanne den Mont Sainte-Victoire gemalt, im Sommer und Winter, in der Frühe und am Abend, im Regen und im Sonnenschein? Ist Cézanne etwa langweilig?

Gewiss, einige Theaterstücke dauern sehr lange und verlangen von den Zuschauern Beharrungsvermögen. «Kabale und Liebe» beansprucht ungekürzt zirka fünf bis sechs Stunden. Ist das ein Problem? Haben wir in unserer täglichen Hektik dazu keine Zeit mehr? Oder reisst unser Geduldsfaden allzu schnell? Wagners «Tristan und Isolde» ist auch keine Kurzoper, meistens beginnt die Vorstellung bereits am späteren Nachmittag. Aber das Wesen der Oper ist im Vergleich zum Theater ein anderes: Im Schauspiel wird nur gesprochen, in der Oper dominiert die Musik. Dies macht den Hauptunterschied zwischen den zwei Gattungen. Die möglichst treue Befolgung des (Noten-)Textes und die philologische Genauigkeit gelten als wichtigste Tugenden der Musikwissenschaft und der Kunst der musikalischen Interpretation. Die Musiker bemühen sich mit Fleiss und Hingabe, die Instruktionen der Komponisten minuziös zu berücksichtigen, dynamische Vorschriften, Akzente, Artikulationszeichen sehr genau einzuhalten.

Was macht währenddessen der Regisseur? Er glaubt, sich behaupten zu müssen – von der Musik versteht er ohnehin nichts, er kann kaum Noten lesen (ja, ich weiss, es gibt löbliche Ausnahmen) –, und tobt sich umso ungehemmter auf der Bühne aus. Er verändert, was das Zeug hält: die Handlung, den Spielort, die Ära des Stücks, und beglückt uns überdies mit Sex, Gewalt und Geschmacklosigkeiten bis zum Überdruss. Es beliebte ihm wahrscheinlich, sogar die Musik Mozarts, Verdis und Wagners umzuschreiben, abzukürzen und zu entstellen, wenn er könnte. Aber das darf er zum Glück nicht. Musik und Bühne generieren Diskrepanzen und Widersprüche, die leider zu dieser Vielzahl an grauenerregenden Inszenierungen führen, welche die moderne Opernwelt heimsuchen.

Auch im Sprechtheater kann der Musik eine Rolle zufallen – hochaktuell etwa auf diese Weise: Zwischen den Szenen in der Berliner «Woyzeck»-Aufführung wurde man mit gesungenen (gebrüllten) Songs von Apples in Space, The Doors, Canned Heat, Dion & The Belmonts, Melanie, Dolly Parton und anderen Berühmtheiten traktiert. Dürrenmatts alte Dame wurde gezwungen, Lieder von Lady Gaga zu singen, natürlich in – nicht sehr gutem – Englisch, das passt doch bestens zu einem deutschsprachigen Theaterstück . . . Abermals ein Widerspruch, grosse Literatur mit miserabler Musik zu infizieren. Ein Gutteil des Publikums findet dieses Pop-up selbstverständlich toll und cool. Das Theater ist ausverkauft, voller Schulkinder, die vom Stück keine Ahnung haben und sich dementsprechend schlecht benehmen, sich aber mit Lady Gaga und Konsorten bestens identifizieren.

Regisseure müssen nicht unbedingt musikalisch sein. Falls sie es tatsächlich nicht sind, sollten sie unbedingt beste Ratgeber hinzuziehen, denn Musik und Wort können sich durchaus kongenial ergänzen, man denke beispielsweise an Alban Bergs «Wozzeck». Im Theater (und, Gott sei's geklagt, auch in Filmen) wird man mit schlechter Musik buchstäblich bombardiert, die hohen Lautstärkepegel zertrümmern einem das Trommelfell. Warum geht es nicht leiser oder sogar ganz still? Die Stille ist die schönste Musik.

Unsterblich, aber verletzbar

Die Ästhetik des Musicals hat ebenso die Schauspielkunst erreicht und negativ beeinflusst. Die Schauspieler singen und sprechen mit Kopfmikros. Sind denn die meisten Leute heutzutage schwerhörig? (Verwunderlich wäre es nicht angesichts des Lärms, den wir jeden Tag ertragen müssen.) In einem mittelgrossen Theater (wie dem Berliner Ensemble oder dem Deutschen Theater) müssten sich die Schauspieler mühelos ohne künstliche Verstärkung durchsetzen können. Zu Zeiten von Max Reinhardt und Bertolt Brecht (in den gleichen Häusern) ging es auch ohne. Voraussetzung ist, den Text so zu artikulieren und zu deklamieren, dass alle Zuschauer, auch jene in der hintersten Reihe, ihn verstehen und wahrnehmen können. Das heisse Schauspiel- und Sprechkunst.

Über das sogenannte Regietheater ist viel, zu viel, geschrieben worden, pro und contra. Das Phänomen bestimmt die gesamte deutschsprachige Bühnenlandschaft, von Zürich bis Wien. Man kann gegen Auswüchse so vehement argumentieren, wie man will – am Siegeszug dieser Modeerscheinung wird sich wenig bis gar nichts ändern. Trotzdem soll der Kampf gegen sie nicht verebben. Und zwar im Namen der grossen Autoren. Auch wenn sie als unsterblich gelten, sind sie leider doch verletzbar.


Der Pianist András Schiff wurde 1953 in Budapest geboren. Heute lebt er in London und Florenz.

Nota. - Wenn man nicht gerade in eine schöngeistige Familie hineingeboren wurde, kennt man die großen Bühnenwerke zuerst nur vom Lesen, im Deutschunterricht. Aber dafür wurden sie nicht geschrieben, das Schau-Spiel ist fürs Sehen und Hören; und zum Spielen. Da ist es manches Mal geschehen, dass der Deutschunterricht den Zugang nicht geöffnet, sondern verstopft hat.

Mir ist die Schauspielkunst bis heute fremd geblieben. Als ich in dem Alter war, wo man von sich aus ins Theater läuft, da ist gerade das Regietheater ausgebrochen, und auch das Wort wurde bald populär. Meines Rückstands bewusst, wollte ich doch aber nicht sehen, wie ein mir gar nicht bekannter Spielleiter die Stücke geistreich "gegen den Strich bürstet", sondern erst einmal so, wie sie der Autor vermutlich gemeint hat, oder wie die Theatergemeinde seit Generationen meinte, dass er sie gemeint haben müsste. Da hätte ich mich über manches zerlesene blutleere Stück sicher sehr gewundert, dem einen wär's bekommen, dem andern nicht. Und natürlich wäre mir hier und da die Frage aufgestoßen, ob man dieses oder das oder gar das ganze Stück, am Ende vielleicht nicht auch den Autor 'ganz anders auffassen muss'. Das wäre dann im einzelnen Fall auszuprobieren gewesen...

Nicht, dass das unter den gegebenen Umständen gar nicht möglich gewesen ist, aber angeboten hat es sich nicht - ich hätte eifrig suchen müssen. Doch Musik und bildende Kunst lagen mir näher. Dabei ist es bis heute geblieben.

Wenn aber eines Tage (in Berlin, vor meiner Tür) - sagen wir - der Tannhäuser in einer 'historisch informierten' Produktion geboten würde, könnte ich mir vorstellen, dass ich auch mal ein paar Stunden Wagner live auf mich nähme.
JE

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