Montag, 3. März 2014

Katholisch ohne Kirche.

aus NZZ, 27. 2. 2014                                                                Tilmann Jörg, pixelio.de

Glaube ohne Dogma?
Mario Perniola über «katholisches Fühlen» 


Jan-Heiner Tück · Vorkämpfer für einen dogmenfreien Glauben und eine Kirche ohne Hierarchie hat es schon viele gegeben. Wer ein Fragezeichen hinter die Unfehlbarkeit des Papstes setzt oder die Lehre von der Gottessohnschaft Jesu Christi in Zweifel zieht, kann in Zeiten wachsender Erosion des Glaubens kaum gesteigerte Aufmerksamkeit beanspruchen - es sei denn, er verbindet seine Kritik mit einer originellen These, wie es der italienische Philosoph Mario Perniola in seinem Buch «Vom katholischen Fühlen» getan hat: Die Definitionshoheit müsse der Kirche entzogen werden, das Katholische falle nicht mit der amtlichen Selbstbeschreibung des Katholizismus zusammen. Der «Wesenskern» des Katholischen bestehe im Fühlen, nicht im Glauben.

Nun ist die Provinz des Gefühls, wie Perniola selbst einräumt, schon besetzt - und zwar protestantisch. In seinen Reden über Religion «an die Gebildeten unter ihren Verächtern» hat Schleiermacher das Wesen von Religion nicht im Denken oder Handeln, sondern in Anschauung und Gefühl ausgemacht. Das fromme Selbstbewusstsein gründe im Gefühl der «schlechthinnigen Abhängigkeit». Mit der Betonung der Unmittelbarkeit des Einzelnen vor Gott ist eine Relativierung der kirchlichen Heilsvermittlung verbunden. Das Gewissen erscheint als Allerheiligstes, in das niemand, auch die Kirche nicht, hineinreden darf. An Schleiermacher will Perniola, dem es mit dem katholischen Fühlen um eine universelle Erfahrung geht, nicht anknüpfen. Der religiöse Subjektivismus bekomme kaum in den Blick, dass es andere Modalitäten des Fühlens gebe, die rituell, ästhetisch oder institutionell vermittelt seien. Der Innerlichkeit des religiösen Subjekts im Protestantismus stellt der Autor ein katholisches Fühlen entgegen, das auf Aussenerfahrungen zurückgehe und welt- und geschichtshaltiger sei.

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts sieht er dieses katholische Fühlen vorgeprägt. Die «individuelle Teilnahme an Kulthandlungen» oder «intellektuelle Zustimmung zu den Dogmen» seien damals irrelevant gewesen. Kirche und Welt hätten sich geradezu verschränkt, das habe die katholische Sensibilität bestimmt. Ignatius von Loyola und Francesco Guicciardini werden als Kronzeugen aufgerufen. Bei Guicciardini, dem Theoretiker eines politischen Realismus, steht der Einbruch der Geschichte im Zentrum. Die Erfahrung, dass der Weltlauf oft anderswohin führt, als die Menschen wünschen (oder befürchten), sensibilisiert den Weggefährten Machiavellis für Abweichungen und Brüche.

Auch bei Ignatius sieht Perniola eine gesteigerte Wahrnehmung für derlei Differenzerfahrungen. Dass der Baske der Gründer der Gesellschaft Jesu ist, die in Zeiten der Gegenreformation die Glaubenslehre gestärkt und die katholische Moral gefestigt hat, fällt für ihn weniger ins Gewicht. Für bedeutsamer hält er die geistlichen Übungen des Ignatius. Die Exerzitien folgen weder einer abstrakten Lehre noch einer speziellen Moral, sie haben die konkrete Situation des Einzelnen im Blick, der eine gewisse Indifferenz gegenüber der Welt einüben soll. Diese Indifferenz ist die Voraussetzung für die freie Wahl, die das weitere Leben bestimmen soll. Auf dem Weg dahin spielen die geistlichen Sinne, aber auch die Affekte des Trostes und der Trostlosigkeit eine grosse Rolle. Ob sich der ignatianische Sinn für die Sinne und die «Mystik der Weltfreudigkeit» (Karl Rahner) gegen das Dogma ausspielen lassen und der Ordensgründer als Kronzeuge für einen orthodoxiefreien Katholizismus angeführt werden kann, ist allerdings fraglich. Immerhin ist die Fleischwerdung des göttlichen Logos die Voraussetzung dafür, dass die geistlichen Sinne geschärft und die Stationen des Lebens Jesu in den Exerzitien näher betrachtet werden können.

Mit seinem Plädoyer für eine katholische Sensibilität erinnert Perniola zu Recht daran, dass die kirchliche Fixierung auf Dogma und Moral die ästhetische Dimension des Glaubens lange vernachlässigt hat. Das katholische Fühlen, dem es «intra muros ecclesiae» zu eng wurde, ist ausgewandert und hat sich ausserhalb der Kirche vielfältige Rückzugsorte geschaffen. Ein Beispiel dafür erblickt Perniola in Robert Musils Roman «Der Mann ohne Eigenschaften», der den Möglichkeitssinn für Geschichte geschärft habe und durchaus als Neuauflage der ignatianischen Indifferenz gelesen werden könne. Als grossangelegten Versuch, neben dem Wahren und Guten auch das Schöne in Theologie und Kirche zu rehabilitieren, würdigt Perniola am Ende auch die theologische Ästhetik Hans Urs von Balthasars, der in seinem mehrbändigen Werk «Herrlichkeit» einen ganzen Fächer klerikaler und laikaler Stile ausbreitet, die der Schönheit des Glaubens vielstimmig Ausdruck verleihen.

Balthasar hätte für die Empfehlung, die kulturproduktiven Seiten des Katholizismus von Dogma und Moral abzukoppeln, allerdings kaum mehr als ein Stirnrunzeln übrig gehabt. Im Zentrum seiner Ästhetik steht der Begriff der Gestalt - ein Begriff, der nicht nur auf Goethe zurückverweist, sondern auch inkarnations- und kreuzestheologische Konturen hat. Es ist die Gestalt des Menschgewordenen, der Welt und Geschichte aufgesucht hat. Hier verschränken sich Transzendenz und Immanenz, hier gehen die Allmacht Gottes und die Ohnmacht des Gekreuzigten eine Verbindung ein, hier wird jede Ästhetik gesprengt, die das Negative - Leiden, Schmerz und Tod - ausblendet.

Ohne Inkarnation und Kreuz aber, die das Dogma der Kirche vor Aufweichungen schützt, gibt es keine katholische Kultur. Mario Perniola hingegen scheint die ästhetischen Früchte des Katholizismus ernten zu wollen, ohne die Wahrheit des Glaubens anzunehmen, aus deren Wurzelgrund diese Früchte hervorgegangen sind. Damit unterschätzt er die kulturprägende Kraft des Dogmas. Sein orthodoxiefreier Katholizismus mag flott im postmodernen Zeitwind dahinsegeln, künstlerisch bietet er keine Reibungsflächen und verdoppelt nur das «anything goes». Anders der Glaube der Kirche, der durch das Dogma Kontur bekommt und im öffentlichen Kult eine Farben- und Formensprache gefunden hat: An ihm können sich Kunst und Kultur produktiv abarbeiten - auch heute und gegebenenfalls im Widerspruch.

Mario Perniola: Vom katholischen Fühlen. Die kulturelle Form einer universellen Religion. Aus dem Italienischen von Sabine Schneider. Matthes & Seitz, Berlin 2013. 182 S., Fr. 39.90.


Nota.

Ohne Dogma gibt es nicht nur keine Kirche, sondern auch keinen Glauben. Das Fühlen ist individuell und volatil, es hat - und gibt - keinen Halt. Dem, der aufs Dogma und damit auf den Glauben verzichtet, bleibt nur die Vernunft, das weiß man längst.
JE 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen