Mittwoch, 18. Dezember 2013

Gibt es denn einen Fortschritt der Wissenschaft?

aus NZZ, 18. 12. 2013

Wenn Wissen keine Folgen hat
Christoph Hoffmann räsoniert über den Wissenschaftsbetrieb


von Urs Hafner · Die Natur- und Sozialwissenschaften sind modern geworden. Sie legen dar, wie man gesünder leben kann, berechnen Umweltrisiken und identifizieren soziale Problemlagen. Politikerinnen nicht weniger als Bürger und Konsumenten stützen ihre Entscheidungen und Präferenzen auf wissenschaftliche Resultate und Erkenntnisse ab. Massenmedial unter der Formel «Wissenschafter haben herausgefunden, dass . . .» verbreitet, halten Forschungsergebnisse die Menschen an, sich zustimmend oder ablehnend zu ihnen zu verhalten. Man trinkt also zum Beispiel viel Wasser, auch wenn man keinen Durst hat, oder nimmt eben doch, wider besseres Wissen, gesättigte Fettsäuren zu sich.

Den Status zu relativieren, den Wissenschaft und Forschung in der «Wissensgesellschaft» einnehmen, hat sich der an der Universität Luzern lehrende Wissenschaftsforscher Christoph Hoffmann vorgenommen. Er möchte die «Arbeit der Wissenschaften» - so der Titel seines Essays - quasi in ihrer Normalität zeigen. Nicht anders als andere Tätigkeiten auch würden wissenschaftliche Unternehmungen manchmal zu Ende geführt. Viel öfter aber scheiterten sie, und zwar so, dass sich daraus nichts lernen lasse. Dass ein Forschungsprojekt folgenlos bleibe, sei oft der Fall, werde aber unter Forschenden tabuisiert, weil es unter dem heutigen «Innovationsregime» nichts Schlimmeres gebe. Hoffmann zieht sogar die «Erfolge» der Wissenschaften in Zweifel: Die sogenannte statistische Signifikanz und die angeblich geglückten Replikationen kämen oft nur deshalb zustande, weil die Forschenden an einem bestimmten Punkt ihrer Experimente und Berechnungen von weiteren Differenzierungen absähen. Ob sie nun für sich im Labor forschten oder für die staatliche Programmforschung Empfehlungen zu Problemen abgäben (die zuvor von ihnen als forschungswürdig definiert worden seien): Die prätendierte Eindeutigkeit der Resultate und deren behauptete Relevanz für den Erkenntnisfortschritt wie für die Gesellschaft insgesamt seien oft eine Illusion.
So gesehen könnte man die von der wissenschaftlichen Gemeinschaft verstärkten Massnahmen zum Aufdecken von Plagiaten als Symptom bezeichnen, das von verdrängten Selbstzweifeln zeugt. Vielleicht nämlich sind die Natur- wie die statistisch operierenden Sozialwissenschaften ihrer Objektivität und Rationalität doch nicht so sicher, wie sie gewöhnlich den Anschein erwecken (die Geisteswissenschaften sind in diesem Punkt vorsichtiger). Den überführten Übeltätern käme also die Funktion zu, die grosse Mehrheit darin zu bestätigen, dass sie korrekt arbeite.

Nun ist Christoph Hoffmann beileibe nicht der Erste, der den Fortschrittsglauben der Wissenschaften infrage stellt. Zu betonen, dass das Scheitern zum Forschungsalltag gehöre, dass der Erkenntnisprozess nicht linear verlaufe und dass manche Erkenntnisse sich gerade Misserfolgen verdankten, ist ein Topos der Wissenschaftsphilosophie und Wissenssoziologie. Doch Hoffmann geht, wie er - nicht gerade von Selbstzweifeln gequält - anmerkt, weiter als Ludwik Fleck, Thomas S. Kuhn und Bruno Latour. Trügen für diese Autoren das Scheitern und die Irrtümer letztlich, auch oft durch die Hintertür, doch immer wieder zum wissenschaftlichen Fortschritt bei, so bezweifelt er ihn radikal. Indem er jedoch alle Wissenschaften in einen Topf wirft, schiesst er übers Ziel hinaus. 

In diesem Punkt mangelt es nicht nur dem die Politik beratenden Politikwissenschafter, sondern auch ihm, dem Wissenschaftsforscher, an Differenzierungswillen. Zudem sind die technischen Fortschritte - im Guten wie im Schlechten - unbestreitbar, welche die westliche Zivilisation seit der Freisetzung des wissenschaftlichen Denkens erzielt hat; «Erfolge» gibt es also sehr wohl.

Dennoch sind Hoffmanns provokative Reflexionen bedenkenswert. Sein Essay liest sich angesichts der volltönenden Nutzen- und Innovationsrhetorik des Wissenschaftsbetriebs wohltuend nüchtern. Auch wenn es zu begrüssen ist, dass Forschende Rechenschaft darüber ablegen, was sie tun und zu welchem Ende - es darf nicht sein, dass der Legitimationsdruck zu dem Zwang führt, unbedingt folgenreiche Ergebnisse vorzulegen.

Christoph Hoffmann: Die Arbeit der Wissenschaften. Diaphanes, Zürich, Berlin 2013. 174 S., Fr. 24.40.

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