Dienstag, 15. Oktober 2013

Nützlichkeit der Geisteswissenschaften.

aus NZZ, 11. 9. 2013

Was leisten Geisteswissenschaften?
Abgehoben, unnütz, weit weg von aktuellen Problemen: so die gängigen Urteile über Geisteswissenschaften. Eine Entgegnung. 

 

Von Peter Fröhlicher

Im Vergleich mit den Naturwissenschaften, deren Forschungsleistungen zu Recht auf breites Interesse stossen, stehen die Geisteswissenschaften weniger im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Insbesondere die geisteswissenschaftlichen Disziplinen im engeren Sinne wie Philosophie, Sprach- und Literaturwissenschaften, Geschichte, Kunst- oder Musikwissenschaft sehen sich in einer Zeit der unablässigen Bildungsreformen mit kritischen Fragen nach ihrem Nutzen konfrontiert. Zu abgehoben seien viele ihrer Forschungsgegenstände.

Als sogenanntes Orchideenfach, dessen weitere Finanzierung an verschiedenen Universitäten gefährdet war, galt vor nicht allzu langer Zeit die Islamwissenschaft. Das Studium alter Texte in arabischer und persischer Sprache schien allzu fern von den Problemen der modernen Gesellschaft und den Kriterien der «Employability». Doch im Zuge der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung wurde aus der Islamwissenschaft inzwischen eine auch von den Medien stark nachgefragte Expertendisziplin. In ähnlicher Weise haben sich die Ostasienwissenschaften - Sinologie und Japanologie - entwickelt. Auch sie tragen zum Verständnis anderer Traditionen, Ideologien und Religionen bei, zu einem Verständnis, das unabdingbar ist in einer Welt, die wirtschaftlich und kulturell immer näher zusammenrückt.

Existenzielle Grundfragen

Geisteswissenschaften beschäftigen sich mit grundlegenden Fragen des Individuums und seiner Beziehung zur Gesellschaft. Auch der Homo oeconomicus ist in erster Linie Mensch und als solcher mit existenziellen Grundfragen konfrontiert. Die Geisteswissenschaften erheben nicht den Anspruch, allgemein gültige Antworten zur Sinnfrage oder Rezepte zum guten Leben zu liefern, sie vermitteln aber methodische Grundlagen sowie Orientierungswissen zum Handeln in einem komplexen gesellschaftlichen Umfeld, das durch unterschiedliche Interessen und Werte geprägt ist. Die sich daraus ergebenden Spannungen und Konflikte sind seit der Antike Gegenstand der Philosophie. Die angewandte Ethik leistet heute einen wesentlichen Beitrag zu Fragen des verantwortbaren Handelns in Wirtschaft oder Medizin.
 
Zu den genannten Problemen bieten literarische Texte reiches Studienmaterial, indem sie Handlungsmuster deklinieren, die zum Verständnis menschlichen Verhaltens überhaupt beitragen. In der klassischen französischen Tragödie lassen sich zum Beispiel verschiedene Strategien der Entscheidungsfindung und Modi der Konfliktlösung herausarbeiten. Im Roman des 19. Jahrhunderts wird die Beziehung der Personen zu materiellen und immateriellen Werten (Geld, Karriere, Liebe, Kunst, Religion, Wissenschaft) als vielschichtige Entwicklung thematisiert, die letztlich als Reflexion über die Gültigkeit und Bedeutung der genannten Werte lesbar ist.

Dass Geisteswissenschaften für eine verantwortungsvolle Tätigkeit gerade in der Wirtschaft von Nutzen sind, bestätigt etwa das Studienprofil der Universität St. Gallen. Neben der reinen Fachausbildung erwerben die Studierenden «Reflexionskompetenz» und «kulturelle Kompetenz» durch den Besuch von Seminaren in Philosophie, Geschichte, Sprache und Literatur sowie Soziologie und Psychologie. Eine ähnliche Rolle spielen die Geisteswissenschaften auch in den naturwissenschaftlichen und technischen Ausbildungsgängen der ETH.

Der enge Bezug zur Vergangenheit, der den Geisteswissenschaften manchmal als Rückwärtsgewandtheit im Unterschied zu den zukunftsgerichteten Naturwissenschaften angelastet wird, ist Voraussetzung für ihren gesellschaftlichen Nutzen in der Gegenwart. In der Auseinandersetzung mit früheren Epochen gewährleisten die Geisteswissenschaften das kulturelle Gedächtnis, indem sie die nach wissenschaftlichen Kriterien erschlossenen Texte und Artefakte zum Gegenstand von immer wieder neuen, zeitgemässen Fragestellungen machen.

Politische Verantwortung

Die Arbeit am Gedächtnis einer Kultur bestimmt deren Selbstwahrnehmung und damit einen Teil ihrer Identität. So löst die notwendige Aufarbeitung einschneidender historischer Ereignisse durch die Geschichtswissenschaft oft Widerstand aus, wie etwa die Ergebnisse der Bergier-Kommission über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Als um Objektivität bemühte unabhängige Sachwalter des kulturellen Gedächtnisses übernehmen die Geisteswissenschaften auch eine politische Verantwortung.

Ebenso wichtig ist ihre Verantwortung für das künstlerische Erbe, dessen Vermittlung und Weitergabe. Methodisch erarbeitete Interpretationen zu Literatur, bildender Kunst, Musik oder Film analysieren die Komplexität des Werks und liefern eine Grundlage für das kognitive Erfassen seiner ästhetischen Wirkung. Damit können Geisteswissenschaften dazu beitragen, die spezifische Ästhetik des Werks auch erfahrbar zu machen.

Geisteswissenschaften stellen methodisches Wissen zum Verständnis von Kultur in ihrer ganzen Vielschichtigkeit bereit. Als Disziplinen, die nach der Bedeutung menschlichen Handelns in allen Bereichen vom Alltagsleben bis zur Kunst fragen, sind sie sinnstiftend und damit unverzichtbar für Individuum und Gesellschaft.

Peter Fröhlicher ist Professor für Geschichte der französischen Literatur an der Universität Zürich. Er war von 2011 bis 2013 Dekan der philosophischen Fakultät der Universität Zürich.


Nota.

«Reflexionskompetenz» und «kulturelle Kompetenz» für BWL-Studenten - wer mag da am gesellschaftlichen Nutzen der Geisteswissenschaften noch Zweifel hegen?
JE  

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